Autor Thema: Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.  (Gelesen 18902 mal)

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Grimbold

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Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« am: Januar 07, 2012, 20:23:00 Nachmittag »
Ich möchte mich mit dem Nachbau einer Schwertscheide befassen und bin bei dem, was Google so hergibt, zügig auf diverse Bauanleitungen gestoßen. Unter anderem auf "Bauanleitung für eine frühmittelalterliche Schwertscheide, von Markus Zwittmeier"1
und "Schwertscheide des 11. Jahrhundert, von Henry Skodell"2.
Beides schon ganz nett, aber noch nicht das, was ich suchte.
Dann stieß ich auf das Essener Zeremonialschwert3.
Die Schwertklinge wird auf das 10 Jhd. datiert.
Schwert und Schwertscheide sind bis auf geringfügige Beschädigungen komplett überkommen.
Einzig bei der Nutzungsänderung von Waffe in die sakrale Verwendung wurden Veränderungen vorgenommen.
Diese Arbeiten wurden allerdings auch schon um das Jahr 1000 n.C. durchgeführt.
Das Prunkschwert befindet sich heute im Essener Domschatz4
Um das vorweg zu sagen, ich möchte nicht die Gold und Edelstein besetzte Prunkscheide nachbauen, spannend finde ich den hölzernen Kern.
Dieser ist, denke ich, repräsentativ für die Handwerkliche ausführung.

Jetzt meine Fragen,
Sind weitere überkommene Schwertscheiden bzw. Teile von diesen bekannt?
Was gibt es an Interessanten Sekundärquellen, Abbildungen, Darstellungen, Beschreibungen etc.?
Über das Essener Zeremonialschwert gibt es weiterführende Literatur und Fachpublikationen,
wird in diesen auf die Scheide und hier im Speziellen auf den Kern näher eingegangen?






1 http://www.tribur.de/blog/?tag=living-history&paged=8
2 http://www.reenactment.de
3 http://de.wikipedia.org/wiki/Zeremonialschwert_%28Essen%29
4 http://www.domschatz-essen.de/index.php?id=181
« Letzte Änderung: Januar 07, 2012, 20:31:35 Nachmittag von Grimbold »

Grimbold

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #1 am: Januar 07, 2012, 21:07:00 Nachmittag »
Hier eine weitere Seite, die sich mit der Rekonstruktion einer Schwertscheide befasst.1
Allerdings für das 13 Jhd., also für meine Absichten reichlich spät.
Hier wird auch auf ein weiteres komplett überkommens Schwert mit Scheide verwiesen.
Fernando de la Cerda (vor 1270) aus Spanien.



1 http://www.historiavivens1300.at/biblio/schwertgurt/schwertgurt1.htm

Thomas O.

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #2 am: Januar 08, 2012, 12:49:19 Nachmittag »
Hallo Grimbold,

ich hab letztens in der Bibliothek ein Buch entdeckt: Ausgrabungen in Haithabu 33. Darin werden die Schwertfunde aus dem Hafen von Haithabu beschrieben und es werden dezidiert die Schwertscheidenfunde beschrieben. ich kann mal schauen, ob ich diesen teil eventuell einscannen kann.

Ansonsten gibt es noch die Möglichkeit evtl. Einzelschwertfunde (meist als Flussfunde) in Augenschein zu nehmen. Die sind meistens auch komplett, inklusive Scheide erhalten, nur in wieweit die publiziert sind wäre die Frage.

In den Publikationen sollte normalerweise auf die Schwertscheide eingegangen werden, jedoch glaube ich, dass eher weniger der Kern Thema war. Evtl. gibt es dazu vereinzelt Publikationen. Als vergleichendes Zeremonialschwert fällt mir das "Reichsschwert" ein, das stammt doch auch aus dem 11. Jahrhundert und ist soweit überliefert, wenn ich mich nicht irre. Dazu sollte es ja auch ausreichend Literatur geben.

Ich hoffe, das hilft erstmal weiter...

Comte de Boulogne

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #3 am: Januar 08, 2012, 20:42:34 Nachmittag »
Servus,
Ich kann dir den GEIBIG ebenfalls noch empfehlen, da sind einige Funde drinn (bildmaterial) und einiges statistisches über Scheidenmaterial und Aufbau.

Ansonsten habe ich nur Material aus dem 5 - 8.Jhdt.

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Grimbold

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #4 am: Januar 09, 2012, 15:52:15 Nachmittag »
Es gibt ein Buch über das Essener Zeremonialschwert, bei dem unter anderen Dr. Alfred Geibig mitgewirkt hat.

Das Zeremonialschwert der Essener Domschatzkammer.
Pothmann, Alfred (Hrsg.), Aschendorff/Münster 1995, 153 S., m. etlichen, teils farbigen Abb. im Text und auf Tafeln, Faltbeilagen im Rücken,

Liegt dieses Buch hier jemandem vor?

Was meinst du denn mit "den Geibig" im speziellen?
Dr. Alfred Geibig hat ja zum Bereich Wehrtechnik viel veröffentlicht.
« Letzte Änderung: Januar 09, 2012, 18:20:03 Nachmittag von Grimbold »

Comte de Boulogne

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #5 am: Januar 10, 2012, 22:21:01 Nachmittag »
den hier:

Geibig, A., Beiträge zur morphologischen Entwicklung des Schwertes im Mittelalter: Eine Analyse des Fundmaterials vom Ausgehenden 8. bis zum 12. Jahrhundert aus Sammlungen der Bundesrepublik Deutschland (Offa-Bücher 71), Neumünster 1991, zugl. Diss. Kiel 1987


Pothmann, Alfred (Hrsg.), hab ich leider nicht mehr, Aber der Holzkern der Scheide besteht aus zwei Brettern die sich zu den Enden hin verjüngen.

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #6 am: Januar 11, 2012, 08:13:58 Vormittag »
Ins passende Jahrhundert kann ich das nicht einordnen, habe aber gestern in einem anderen Forum ein ähnliches Thema erlebt. Hier ist der Versuch einer Holzumbauscheide:

http://mittelalter-manufaktur.de/MM07/Schwertscheiden_Holz_Bau.html

oder hier: http://blog.mittelalter-manufaktur.de/?tag=schwertscheide

Vielleicht hilft´s.
LG Mara

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #7 am: Januar 12, 2012, 14:20:23 Nachmittag »
Wenn's mal etwas früher sein darf (zumindest als Blick über den Tellerrand und Vergleich der Methode):

Ulrich Lehmann: "Organische Bestandteile merowingischer Spathascheiden und ihre Verzierung im Gebiet der Alamannen und rechtsrheinischen Franken" in: Archäologisches Korrespondenzblatt  37; 2007

Grimbold

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #8 am: Januar 12, 2012, 20:26:24 Nachmittag »
Mein jetziger Stand der Dinge:
 
Verwendet wurden meist Harthölzer, vorwiegend Obstgehölz, in Italien häufig Olive.
Von Eiche würde ich für diesen Verwendungszweck generell abraten da die Gerbsäure zu unerwünschten Verfärbungen auf dem Metall führen kann.
Ich werde Kirschbaum verwenden.
Desweiteren zwei Halbschalen welche im Ortbereich geschlossen sind und dort spitzkonisch zulaufen.
Der Scheidenkörper ist in der Ansicht am Scheidenmund Oval, zum Ortbereich zunehmend prismisch.
In die Halbschalen werde ich in jede Hälfte einen streifen Ziegenfell vollflächig mit Knochenleim einleimen.
Die Felllänge kürze ich auf ca. 5mm. Die wuchsrichtung, der "Strich" verläuft von Mund zu Ort.
Die beiden Halbschalen verleime ich mit Knochenleim.

Jetzt meine ungereimtheiten.
In dem Wikipedia Artikel über das Essener Zeremonialschwert steht,

"Die Schwertscheide besteht aus zwei gewölbten hölzernen Scheidenbrettern, die am Rand mit einer größeren Anzahl Metallstiften aneinander geheftet sind."

Bedeutet das die  beiden hälften wurden vernagelt oder vernietet?

"Am Mundstück sind zwei Metallösen auf der Rückseite auffällig. Diese sind zu filigran, um als Aufhängung für ein Schwertgehänge zu dienen, wahrscheinlich dienten sie dazu, um das Schwert mittels einer durch die Ösen gezogenen und um den Schwertgriff geschlungenen Schnur in der Scheide zu fixieren."

Ist das bekannt bzw.weiter belegt, oder handelt es sich um eine einmalige Begebenheit um das Schwert bei den Prozessionen vor dem Herausfallen zu sichern?

Jorg Keilerson

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #9 am: Januar 12, 2012, 21:16:29 Nachmittag »
Herr Grimbold,

"Am Mundstück sind zwei Metallösen auf der Rückseite auffällig. Diese sind zu filigran, um als Aufhängung für ein Schwertgehänge zu dienen, wahrscheinlich dienten sie dazu, um das Schwert mittels einer durch die Ösen gezogenen und um den Schwertgriff geschlungenen Schnur in der Scheide zu fixieren."

Ist das bekannt bzw.weiter belegt, oder handelt es sich um eine einmalige Begebenheit um das Schwert bei den Prozessionen vor dem Herausfallen zu sichern?

Ich kenne diese art von verschnurung aus die Wikinger Zeit. Der eigner macht das wenn er auf Besuch geht bei "freunden" um zu zeichnen das er ein Schwert hat, aber das er nicht vor hat "das Ding" zu ziehen. Oder anders gesagt: 'I come in peace' !

Jorg
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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #10 am: Januar 12, 2012, 23:40:14 Nachmittag »

Jetzt meine ungereimtheiten.
In dem Wikipedia Artikel über das Essener Zeremonialschwert steht,

"Die Schwertscheide besteht aus zwei gewölbten hölzernen Scheidenbrettern, die am Rand mit einer größeren Anzahl Metallstiften aneinander geheftet sind."

Bedeutet das die  beiden Hälften wurden vernagelt oder vernietet?

Im Buch stand ausdrücklich, das die Metallstifte scheinbar neueren Datums waren, vermutlich von einer älteren Restaurierung.

Wenn man die Scheidenbretter aufeinander legt und anschließend wickelt ist kein Verkleben oder gar fixieren mit Metallstiften nötig. Meine Schwertscheide ist nur gewickelt und nicht verklebt.
Wenn du sicher gehen willst fixier sie an zwei bis drei Stellen mit Hautleim.

Die Metalldinger fangen bloß an zu rosten wenn es nass ist.

Gruosss der Uhl
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Hezilo

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #11 am: Januar 13, 2012, 10:29:44 Vormittag »
Hallo Grimbold,

Wie der Uhl schon richtig sagte, laß die sicherlich nicht zeitgenössischen "Metallstifte" weg. Es gibt z.B. auch einen Scheidenfund aus Polen (10./11. Jhd), dort sind die beiden hölzernen Halbschalen nur lose aufeinander gelegt und werden durch den ledernen Überzug gehalten. Ich habe bei meinem ersten Nachbau die Hälften noch verleimt (siehe den von Dir genannten Link). Die Nächste habe ich dann ganz ohne Fixierung der Holzschalen gemacht und es funktioniert tatsächlich sehr gut.

Die Metallösen am Mundstück kenne ich von keinem anderen Fund. Wie überhaupt keine Mundstücke aus Metall gefunden wurden - im Gegensatz zu den vielen Ortbändern. Ich vermute das es sich hier tatsächlich um eine Ausnahme aufgrund der speziellen Verwendung des Essener Schwerts handelt. Jorg, gibt es für die Wikingerzeit Funde/Belege? Gehört habe ich das mit dem Friedensband auch schon mal irgendwo.

Grüße
Hezilo


Comte de Boulogne

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #12 am: Januar 13, 2012, 22:47:46 Nachmittag »
Aus gegebenen Anlass:

bin grad auch beim Bau einer Schwertscheide, jedoch mit Lederüberzug, alle anderen sind gewickelt.
Hatte die Hölzer (1mm dick) angepasst Fell eingeleimt und zum Trocknen um das Schwert gleich fixiert. Nach dem es trocken war, flutschte das Schwert mit geringem Kraftaufwand rein und raus. ()

So jetzt Leder zugeschnitten, vorgestochen und eingeweicht (damit es schön eng anliegt) und genäht.

So und nun ist das Leder trocken und das Schwert geht weder rein noch raus. Warum? hab es mit Gewalt rausgezogen: die Hölzer haben sich mittig nach innen gewölbt. )(    :'(

Also alles von vorn. Diesmal weiche ich die Hölzer erst ein und lasse sie in ihre natürliche Wölbung kommen bevor ich das Fell aufklebe.

Gruoss der Uhl
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Grimbold

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Antw:Rekonstruktion einer Schwertscheide, 10/11 Jhd.
« Antwort #13 am: Januar 14, 2012, 14:15:42 Nachmittag »
Bei einer Holzstärke von einem Milimeter bist du ja unter der Stärke von Sägeschnittfurnier.
Gibt es diesbezüglich historiche Vorbilder?
Problematich ist glaube ich das sowohl das Holz als auch das Leder schrumpft beim trocknen. Auch Knochen oder Hautleim verringert sein Volumen beträchtlich wenn er das gebundene Wasser verliert.
Das alles zusammen kann zu den von die beschriebenen Problemen geführt haben.
Holz kann auch gut mit wasser dampf geformt werden.
In diesem Fall würde ich eine gewölbte unterlage nehmen, z.B. ein Rohr oder einen Spitzhackenstiel, der wäre sogar konisch.
Dann mit Stoff das Holz auf die Form pressen. Danach mit einem (Dampf-) Bügeleisen wasser durch den feuchten Stoff in das Holz treiben.
Ist das Holz dann auf der Form getrocknet behält es seine Wölbung.
Aber ob das irgend was zu tun hat mit der Rekonstruktion einer Schwertscheide möglichst nah am Geschichtswissenschaftlich nachweisbaren weiss ich nicht....

Jorg Keilerson

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« Antwort #14 am: Januar 14, 2012, 17:33:33 Nachmittag »
Herr Hezilo,

Jorg, gibt es für die Wikingerzeit Funde/Belege? Gehört habe ich das mit dem Friedensband auch schon mal irgendwo.

Leider keine Funde oder belege. Ich habe es gelernt von Walhalla und Joms, damals wenn ich mein Schwert bekommen habe. Ist auch schon wieder 17 Jahren her...

Jorg
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