Autor Thema: Kragelund-Tunika/ Kittel  (Gelesen 1062 mal)

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Ollibert

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Kragelund-Tunika/ Kittel
« am: Mai 05, 2017, 11:41:43 Vormittag »
Hallo zusammen,

ich möchte mich an einen (erneuten) Rekonstruktionsversuch der Kragelund-Tunika wagen und habe nach Sichtung mehrerer Quellen noch einige offene Detailfragen, die ich hier gerne zur Diskussion stellen möchte.

Folgende Quellen kenne ich bereits bzw. liegen mir vor:
http://www.personal.utulsa.edu/~marc-carlson/cloth/kraglund.html
http://www.forest.gen.nz/Medieval/articles/garments/Kragelund/Kragelund.html
Kania, Katrin 2010: Kleidung im Mittelalter: Materialien, Konstruktion, Nähtechnik : ein Handbuch, S. 277-278
Ostergard, Else 2004: Woven into the Earth, S. 124-126

Ich meine in Hald , Margrethe 1980: Ancient Danish Textiles from Bogs and Burials habe ich vor längerer Zeit bereits reingeschaut, liegt mir aktuell nicht vor. Aber auch hier habe ich zu meinen Fragen nichts weiter gefunden.

Bisher nicht bekannt ist mir Nockert, M. 1997: Bockstensmannen och hans dräkt. Borås und Mannering, Ulla 2016: Iconic Costumes: Scandinavian Late Iron Age Costume Iconography

Die Zeichnungen des Schnittmusters stimmen bei allen ziemlich überein und ich gehe davon aus, dass diese auf Hald zurückgehen.

Vom Grundsatz her ist es eine für unsere Zeit „klassische“ Tunika mit zweiteiligen Geren je vorne, hinten und an beiden Seiten. Eine Besonderheit der Geren ist, dass sie nicht spitz, dreieckig enden, sondern stumpf, quasi trapezförmig und oben in 5 Falten gelegt in das Kleidungsstück eingenäht wurden. Vorne waren die Geren geschlitzt, für hinten scheint mir dies nicht bestätigt.

Der Halsausschnitt ist vorne wie hinten spitz zulaufend. Im Text erwähnt ist vorne ein Schlitz von 7 cm. Da die Schnittzeichnung so aussieht, als sei dies vorne wie hinten gleich, hatte ich an einem ersten Reko-Versuch vor einigen Jahren auch einen Schlitz angenommen. Von der Konstruktion her macht mir der hintere Schlitz keinen Sinn, da auch ohne diesen ausreichend Kragenweite gegeben wäre. Aus jetziger Sicht und wegen der fehlenden Erwähnung im Text würde ich darauf verzichten. Weiß hierzu jemand etwas Näheres?

Der Ärmelschnitt ist anders als man ihn klassisch kennt dreiteilig. Das Oberarmstück (wahrscheinlich von der Schulter bis zum Ellenbogen) läuft trapezförmig zu und ist am Schulterausschnitt sehr weit. Die Unterarmpartie ist zweiteilig aus einem rechteckigen Stück und einem Dreieck. Bei Ostergard gibt es je ein Foto der Vorder- und Rückseite der originalen Tunika. Hier scheint es mir, als lägen die Verbindungsnähte des Oberarmteils nicht wie bei z.B. moderner Kleidung von der Achsel aus auf der Unterseite des Armes, sondern hinten, ca. Ende des oberen Drittels. Es gibt Durchaus Funde aus dem Hochmittelalter, wo die Ärmelnaht hinten (und NICHT unten) liegt. Weiß hierzu jemand Näheres?

An meiner bereits bestehenden Tunika nach diesem Vorbild habe ich die Ärmelnaht unten. Hat jemand von euch Erfahrung mit der Positionierung der Ärmelnaht hinten. Bietet dies schnitttechnisch Vorteile?

Im Zusammenhang mit der Ärmelnaht macht mich stutzig, dass man auf den Fotos, gerade auf dem von der Rückseite der Tunika eine Menge Nähte (oder Stückkanten) sieht, die so nicht in der Schnittbeschreibung erwähnt werden. Ich vermute, hierbei handelt es sich um einzelne Fragmente des Fundes, an denen keine Naht vorlag.

Die dritte und sehr entscheidende Frage, hat jemand Hinweise, mit welchen Stichen die Nähte gemacht sind? Hierzu habe ich nirgends einen Hinweis gefunden, außer dass die Stoffkanten mit Überwendlichstich (overcast stitch) versäubert waren.

Vielleicht rege ich hiermit einen interessanten Austausch an oder biete die ein oder andere interessante Information zum Thema und hoffe, dass mir ggf. bei der ein oder anderen Frage weitergeholfen werden kann.
Lieben Gruß

Ollie